Rede des Jahres

Seit 1998 vergibt das Seminar für Allgemeine Rhetorik die Auszeichnung „Rede des Jahres“. Mit diesem Preis würdigt das Seminar für Allgemeine Rhetorik jährliche eine Rede, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion entscheidend beeinflußt hat.

Der kairos der Rede spielt für die Auszeichnung eine besondere Rolle. Gesucht sind Reden, die ein breites Echo gefunden haben, sei es zustimmend oder ablehnend.

Neben das Kriterium der Wirkungsmächtigkeit treten bei der Wahl der Rede des Jahres weitere Bewertungsmaßstäbe, so analysieren wir die argumentative Leistung und die stilistische Qualität der Rede. Ziel ist es somit das gesamte rhetorische Kalkül des Redners, Maßstab der antiken Rhetorik, zu betrachten und zu bewerten.

Gerne nehmen wir auch Vorschläge und Selbstbewerbungen für die Rede des Jahres entgegen.

Kriterienkatalog für die Juryarbeit

(ausgezeichnet werden im Normfall Reden, die in Deutschland in deutscher Sprache gehalten wurden)

  1. bemerkenswerter Anlass oder besondere situative Herausforderung?
  2. publizistische Wirkung?
  3. Elaboriertheit der Rede (mit Blick auf die gewählte Redegattung)?
  4. inhaltliche Relevanz und thematische Akzentuierung der Rede?
  5. Vortragsstil (mit Blick auf die jeweilige Persönlichkeit)?

 

 

Auszeichnung Rede des Jahres 2015 geht an den Schriftsteller Rainald Goetz und den FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube

Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Eberhard Karls Universität Tübingen hat die Büchner-Preis-Rede von Rainald Goetz sowie die zugehörige Laudatio von Jürgen Kaube zur „Rede des Jahres 2015“ gewählt. Das Institut zeichnet damit zwei sprachlich brillante Redebeiträge aus, die die Tradition der Festrede kunstvoll hintertreiben und ihr gerade damit neues Leben einhauchen und ihr zu neuer Wirksamkeit verhelfen. Beide Reden bilden eine komplexe Einheit: die eine Rede umspielt die andere auf feinsinnige und differenzierte Art und Weise, weshalb zum ersten Mal in der Geschichte der „Rede des Jahres“ ein Reden-Doppel ausgezeichnet wird.

Das Jahr 2015 war dominiert durch Trauerreden- und Krisenrhetorik: Terror in Paris, der Absturz der Germanwings-Maschine und die Griechenland-Krise dominierten das politische Geschehen und die gesellschaftliche Diskussion in Deutschland. Rainald Goetz setzt solchen Krisen-Reden ein Lob der Jugend entgegen sowie die Forderung nach beständiger Revolution und kritischer Wachheit.

Goetz denkt intellektuell scharfsichtig darüber nach, wie Literatur heute aussehen sollte, welche Rolle ein Schriftsteller in der Gesellschaft einnehmen kann und welche Funktion eigentlich Kulturpreise haben. Seine Ausführungen faszinieren von Beginn an durch eine verknappte, antithetische Sprache der Übersteigerung und ihre gedankliche Originalität. Schnell wird klar, dass es dem Redner nicht nur um den Kulturbetrieb geht, sein Thema ist vielmehr die „gigantische Kaputtheit“, die „entsteht „aus lauter kleinen schlechten Erfahrungen, die man dauernd mit sich selbst und anderen macht“. Die Rede oszilliert damit um die große Menschheitsfrage: „Wie sollen wir leben?“, auf die Goetz am Ende seiner Rede, die von den Medien mit großer Aufmerksamkeit bedacht wurde, überraschender- und originellerweise mit einem Song der Wiener Indie-Band Wanda antwortet: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst sag: Für AMORE, Amore“. Ein überzeugender Appell an die Jugend und das Leben in Zeiten von Krisen und Terror und eine Rede, wie man sie seit Thomas Bernhards legendärer Preisrede aus dem Jahr 1970 in Darmstadt nicht mehr gehört hat.

Dabei war die diesjährige Verleihung des Büchner-Preises schon mit der Laudatio von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube zu einem rhetorischen Event geworden. Mit spielerischer Freude und hellwachem Verstand arbeitete der sich an Rainald Goetz ab. „Lob ist schlecht“, das Zitat von Goetz bildet den überraschenden Auftakt der Laudatio, die die Unmöglichkeit des Lobs reflektiert, denn Goetz habe doch klar erkannt: „Lob erniedrigt die Welt des Gelobten, wie auch den Lobenden“, weil an die Stelle von Analyse und Argument bloße Zustimmung trete. Trotzdem gelingt Kaube ein Lob, das kraftvoll ist, ohne den Lobenden oder den Gelobten in diesem Sinne zu düpieren, indem er über die Gattung Festrede nachdenkt und zeigt, welch hohe Bedeutung Rede und Gegenrede in der Welt von Rainald Goetz haben. Kaube gelingt eine kritische Reflexion über die Wirkungsmechanismen von Rede und das kritische Potential der Rhetorik von großer intellektueller Schärfe und sprachlicher Finesse. Fast nebenbei macht er sich für eine Literatur jenseits der Fiktion stark, erklärt den „Unwillen zur Fiktion“ bei Goetz durch die Rückbindung der Literatur an das Leben. Zwar heißt es bei Goetz: „Lob ist schlimmer als Lüge“, aber für ein Lob, das so reflektiert und so vielstimmig, so sprachkritisch und so sprachmächtig ist wie das aus dem Munde von Jürgen Kaube, gilt dieser Vorbehalt sicher nicht.

Beide Reden bilden letztlich eine Einheit, sie spielen sprachlich in einer Klasse, sind rhetorisch hoch reflektiert, differenziert und aktualisieren die Gattung Festrede. Goetz und Kaube stehen für eine zeitgemäße Rhetorik und sind faszinierend, motivierend und provozierend in einer Weise, wie es nur wenigen Rednern und Reden gelingt.

 

Jury: Pia Engel, Dr. Gregor Kalivoda, Prof. Dr. Joachim Knape, Sebastian König, PD Dr. Olaf Kramer, Severina Laubinger, Frank Schuhmacher, Fabian Strauch, Viktorija Romascenko, Prof. Dr. Dietmar Till, Peter Weit und Dr. Thomas Zinsmaier

Sprecher der Jury: PD Dr. Olaf Kramer, Telefon 07071/29-74256. Fax 07071/29-4258. E-mail: olaf.kramer@uni-tuebingen.de

 

Texte der Reden:

Jürgen Kaube: http://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/rainald-goetz/laudatio

Rainald Goetz: http://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/rainald-goetz/dankrede

 

Tondokument:

http://www.ardmediathek.de/radio/Kulturfragen-Deutschlandfunk/B%C3%BCchner-Preis-2015-Dankesrede-von-Rain/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?documentId=31403908&bcastId=21676454

 

Archiv

  • 2014 – Navid Kermani: Gedenkrede zum deutschen Grundgesetz

     

    Rede des Jahres 2014 hielt Navid Kermani

    Tübinger Seminar für Allgemeine Rhetorik zeichnet Gedenkrede des Schriftstellers zum Deutschen Grundgesetz aus

    Die Rede des Jahres 2014 hat Navid Kermani gehalten. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet den Schriftsteller und Orientalisten für seine Rede zum 65. Jubiläum des Grundgesetzes am 23. Mai im Deutschen Bundestag aus. In seiner Rede verbindet Kermani eine geistreiche Würdigung des Grundgesetzes mit einer deutlichen Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik. Sie endet mit einem bewegenden Dank an Deutschland. Navid Kermani gelingt eine intellektuell brillante, literarisch feinsinnige und emotional überzeugende Rede, die die Grenzen konventioneller Gedenkrhetorik sprengt.

    Kermani wählt einen ungewöhnlichen Zugang. Er liest das Grundgesetz nicht als Rechtsdokument, sondern als ein Stück Literatur, als einen „bemerkenswert schönen Text“. So stellt er fest, dass die ersten beiden Sätze des Grundgesetzes ein Paradox bilden: „Denn wäre die Würde des Menschen unantastbar, wie es im ersten Satz heißt, müsste der Staat sie nicht achten und schon gar nicht schützen, wie es der zweite Satz verlangt.“ Das ist eine intellektuell brillante Beobachtung, an die er eine genaue Lektüre des Grundgesetzes anschließt. Kermani bewundert jedoch nicht nur die literarische Qualität des Grundgesetzes, sondern hebt es als hart erkämpften, seiner Zeit weit vorausgreifenden, visionären Entwurf hervor.

    Bei dieser Würdigung, die für den Anlass ohne Zweifel mehr als ausreichend gewesen wäre, bleibt Kermani nicht stehen. Er schlägt vielmehr den Bogen zur Gegenwart, indem er die Gründungsväter des Grundgesetzes, die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, von einer imaginären „himmlischen Ehrentribüne“ aus auf die Gedenkstunde blicken lässt. Fast unmerklich verwandelt Kermani das Lob der Gründungsväter in eine Kritik an ihren Enkeln. Er mahnt die vor ihm sitzenden Politiker, „ihr Handeln nicht nach Umfragen, sondern nach ihren Überzeugungen“ auszurichten. Und er formuliert eine scharfe Kritik an der „Entstellung“ des Asylrechts: Im Jahr 1993 habe Deutschland das Grundrecht auf Asyl „praktisch abgeschafft“ und dies hinter „einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinandergestapelt“ wurden, versteckt. Kermani fordert die Abgeordneten auf, im Angesicht drängender Probleme wie Flucht, Vertreibung, Immigration und religiöser Intoleranz, den Artikel 16 wieder in ein Grundrecht auf Asyl zurückzuverwandeln.

    Die Vorstellung der himmlischen Ehrentribüne lässt Kermani aber auch versöhnliche Töne anstimmen, indem er den leisen, bescheidenen Verfassungspatriotismus der Deutschen hervorhebt und ihn wieder in der Form des Paradoxes beschreibt: „Dieser Staat hat Würde durch einen Akt der Demut erlangt.“ Diese Sentenz bereitet eine eindringliche und bewegende Schlusspassage vor, in der sich Kermani als Sohn von iranischen Einwanderern im Namen seiner Familie, aber auch vieler anderer Einwanderer symbolisch vor Deutschland verneigt mit den Worten „Danke, Deutschland“. Dem Redner gelingt auf diese Weise ein rhetorisches Glanzstück: Er lässt sich nicht auf die Rolle des Intellektuellen oder diejenige des Schriftstellers oder diejenige des Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft reduzieren, sondern bringt alle Facetten seiner Person gleichgewichtig und überzeugend in die Rede ein. Durch die besonnene und gelehrte Vortragsweise entwirft er gleichzeitig ein Gegenbild zu manchen ansonsten an diesem Pult gehaltenen Reden.

    Kermanis Rede überzeugt durch eine abwägende und anregende Verbindung der klassischen Aufgaben von Lob und Tadel. Sein Ton ist leise, aber bestimmt, seine Sprache anschaulich, wohlkomponiert und eindringlich, seine Argumentation bestechend und seine persönliche Geste glaubwürdig und bewegend. Kermani zeigt sich als ein gewandter und gebildeter, sympathischer und anrührender Redner, der das Gedenken ans Grundgesetz dafür nutzt, dem Parlament auf eine besonnene und beharrliche Weise den Spiegel vorzuhalten. Mit seiner Rede beleuchtet Kermani die Grundlagen unseres Selbstverständnisses und preist das Grundgesetz als größte Errungenschaft unserer Republik.

    Text der Rede: http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/-/280688

    Video der Rede: https://www.youtube.com/watch?v=hj_7dZO3pSs

    Mitglieder der Jury:

    Pia Engel, Dr. Gregor Kalivoda, Prof. Dr. Joachim Knape, Dr. Olaf Kramer, Severina Laubinger, Prof. Dr. Dietmar Till, Dr. Anne Ulrich, Peter Weit, Dr. Thomas Zinsmaier.

    • 2013 – Gregor Gysi zur NSA Affäre

      Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Eberhard Karls Universität Tübingen hat Gregor Gysis Bundestagsrede zum NSA-Skandal vom 18. November zur Rede des Jahres 2013 gewählt. Das Institut zeichnet damit ein engagiertes Plädoyer für eine konsequente Aufarbeitung des NSA-Skandals aus. Mit anschaulichen Worten und großer argumentativer Kraft durchleuchtet Gysi die Spähaffäre und das Verhalten der Bundesregierung, fordert eine deutsch-amerikanische Freundschaft auf Augenhöhe und: den Friedensnobelpreis für Edward Snowden.

      In einer Zeit, in der die Bundesregierung die Dimension der NSA-Affäre klein zu reden versuchte, waren es vor allem Hans-Christian Ströbele und Gregor Gysi, die in der Sondersitzung des Bundestages in engagierten Reden ihre deutlich andere Sicht der Dinge zur Geltung gebracht haben. Sie sind der Politik der Regierung offensiv und mutig entgegengetreten. Gysi zieht dabei alle Register seiner Rhetorik: Gleich zu Beginn fordert er „Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung“, immer wieder stellt er bohrende Fragen an Kanzlerin und Innenminister und sorgt mit seinem Vorschlag, Edward Snowden den Friedensnobelpreis zu verleihen, für einen internationalen Widerhall seiner Worte. Dabei variiert Gysi zwischen scharfen Angriffen, beißender Polemik gegen das bisherige Krisenmanagement, aber auch nachdenklichen Passagen und logisch bestechenden Überlegungen über die Rolle der deutschen Geheimdienste. Wie es Gysis Art ist, die ihn zu einem der großen Redner des Bundestags macht, bricht er komplizierte technische und juristische Sachverhalte auf eine anschauliche Ebene herunter, reduziert Komplexität, um Verständlichkeit zu erreichen.

      Gysis Vortrag überzeugt durch den Wechsel von Tonlage und Tempo. Mal unbequem und hartnäckig nachfragend, mal ruhig analytisch, dann polemisch und bestimmt, beherrscht Gregor Gysi die Klaviatur der Ausdrucksmöglichkeiten wie kaum ein anderer politischer Redner unserer Zeit. Auf diese Weise ist er schon vor der neu gebildeten großen Koalition zu der Stimme der Opposition geworden. Seine Reden finden große Aufmerksamkeit in den traditionellen Massenmedien, aber auch auf YouTube, Facebook und bei Twitter, auch weil er das deutliche Wort nicht scheut, mit Blick auf die NSA-Affäre etwa von „Duckmäusertum“ spricht, mehr „Mumm“ auf Seiten der Kanzlerin fordert, dem damaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich vorwirft, er habe sich „einlullen“ lassen.

      Vor allem aber zeichnet den Redner Gysi Spontaneität aus – auf der Talkshowbühne genauso wie im Bundestag. So können Merkel, Friedrich und andere auch deshalb den Angriffen Gysis kaum entkommen, weil er sie direkt anspricht, spontan auf sie reagiert und Zwischenrufe souverän pariert. Er nimmt das unmittelbar vorhergegangene Wort von der „Wertegemeinschaft“, die uns mit den USA verbinde, in seiner Rede gekonnt auf. Er fragt nach und analysiert, was „Wertegemeinschaft“ und „Freundschaft“ eigentlich bedeuten. Ein guter Redner muss auch ein guter Zuhörer sein, auf den Kontext reagieren, so wie Gysi das nicht nur in seiner Rede zur NSA-Affäre vorführt.

      Gysi liefert alles in allem ein vorbildliches Beispiel einer Oppositionsrede, die sich eben nicht zufrieden gibt mit den Aussagen der Regierung, sondern kritisch nachfragt und auf den Punkt kommt. So bleibt Gysi nicht bei der tagespolitisch aktuellen NSA-Affäre stehen, sondern nutzt das Thema, um über die deutsch-amerikanische Freundschaft und die deutsche Souveränität auch grundsätzlich nachzudenken. Dieser Blick über das tagesaktuelle Geschehen hinaus ist selten geworden in unserer Zeit. Es zeichnet Gysis Rede daher in besonderem Maße aus, dass sie ein Ideal von Freundschaft und Souveränität den tagespolitischen Entwicklungen entgegen­hält, über die Auseinandersetzung mit der Gegenwart die Zukunft nicht aus den Augen verliert.

      Jury: Claudia Gruhn, Jasmina Gherairi, Dr. Gregor Kalivoda, Prof. Dr. Joachim Knape, Dr. Olaf Kramer, Severina Laubinger, Prof. Dr. Dietmar Till, Lisa Überall, Dr. Anne Ulrich.

      Sprecher der Jury: Dr. Olaf Kramer, Telefon 07071/29-74256. Mobil 0170/296 2327. Fax 07071/29-4258.

      E-mail: olaf.kramer@uni-tuebingen.de www: www.rhetorik.uni-tuebingen.de

      Text der Rede:

      <http://www.gregorgysi.de/reden/einzelansicht/zurueck/dr-gregor-gysi-reden/artikel/edward-snowden-asyl-gewaehren/>

      Video der Rede:

      <http://www.youtube.com/watch?v=hp0FVvpfbFU>

    • 2012 – Marcel Reich-Ranicki: Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

      Marcel Reich-Ranicki hat am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im Deutschen Bundestag die Rede des Jahres 2012 gehalten. Mit der Schilderung einer persönlichen wie welthistorischen Schlüsselszene aus dem Warschauer Ghetto entfaltet er auf eindringliche und äußerst ungewöhnliche Weise die Macht des gesprochenen Wortes. Reich-Ranicki verweigert sich der konventionellen Gedenkrhetorik und verzichtet auf Appelle, Mahnungen oder Forderungen. Stattdessen rückt er das Prinzip der Evidenz, namentlich die Vergegenwärtigung eines entscheidenden Moments in der Vernichtungsgeschichte der Juden, in den Vordergrund.

      Nicht mehr als zwei einleitende Sätze braucht Reich-Ranicki, um sein Anliegen anzukündigen: Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos. Damit verweist der zum Zeitpunkt der Rede 91-Jährige auf sein Ethos als Augenzeuge und Holocaust-Überlebender, das seinem Bericht eine hohe Authentizität und emotionale Kraft verleiht. Dann begibt er sich mitten hinein in die Schilderung einer Szene, die in der Deportation der Juden aus Warschau kulminiert. Diese, so Reich-Ranicki in seinem so schlichten wie bedrückenden Schlusssatz, hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.

      Aus der narrativen Verdichtung der Rede entspringt ihre höchst überzeugende Wirkung: Die detailgetreue, von subjektiven Wahrnehmungen und atmosphärischen Eindrücken durchzogene Erinnerung führt den Zuhörern die Grausamkeit der Judenvernichtung direkt vor Augen. Reich-Ranicki gelingt eine kunstvolle und ergreifende, aber an keiner Stelle pathetische Erzählung, die sich mit großer Sensibilität gerade auch der Widersprüchlichkeiten der Ereignisse annimmt: Zum Umsiedlungs- Beschluss etwa ertönen Strauß-Walzer an einem warmen und sonnigen Sommertag; die Eheschließung mit Reich-Ranickis Frau Teofila findet in äußerster Eile und unter unmittelbarer Todesangst statt. Auf diese Weise ermöglicht Reich-Ranicki seinen Zuhörern ein Nach-Erleben und Nach-Empfinden, das nur ein Zeitzeuge hervorrufen kann..

      Die Rede, teils mit brüchiger, teils aber auch mit gewohnt kräftiger Stimme und dezidierter Gestik vorgetragen, ist ein beeindruckender, kraftvoller und authentischer Beitrag zum Gedenken an den Holocaust in Deutschland. Dies ist gerade in einer Zeit von eminenter Bedeutung, in der es nur noch wenige Überlebende des Völkermords an den Juden gibt und in der unser Land gleichzeitig unter dem Eindruck rechtsextremen Terrors steht.

      Jury
      Jasmina Gherairi, Dr. Gregor Kalivoda, Prof. Dr. Joachim Knape, Dr. Olaf Kramer, Thomas Susanka, Prof. Dr. Dietmar Till, Lisa Überall, Dr. Anne Ulrich, Peter Weit, Dr. Thomas Zinsmaier

      Sprecherin der Jury
      Dr. Anne Ulrich

      Die Rede
      Text der Rede
      Video der Rede (Die Rede Reich-Ranickis beginnt etwa bei Minute 20:30 und endet bei Minute 52:00.)

      Stellungnahmen in der Presse
      Prof. Dr. Dietmar Till im SWR

    • 2011 – Jean Ziegler: Der Aufstand des Gewissens

      Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet in diesem Jahr eine Rede aus, die nicht gehalten wurde, aber dennoch eine große öffentliche Wirkung entfaltet hat. Es handelt sich um die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele, die der Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler dort am 20. Juli 2011 gehalten hätte, wäre er nicht wieder ausgeladen worden. Die dennoch niedergeschriebene und veröffentlichte Rede ist eine unverblümte Anklage der „Großbankiers“ und „Konzern-Mogule“ und ein leidenschaftliches Plädoyer für den Kampf gegen die weltweite Hungersnot.

      Die wörtlich wie sprichwörtlich ungehaltene Rede unterläuft wie viele große Reden die Konventionen: An die Stelle einer festlichen, höchstens an manchen Stellen ein wenig nachdenklichen oder mahnenden Wohlfühlrede, wie sie oft genug gehalten wird, setzt Ziegler einen aufrüttelnden Appell, ja, eine Provokation. Ganz ohne Umschweife beginnt er mit dem Satz: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind, der dann weitergeführt wird zur ungewohnt deutlichen These: Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Die dramatische Lage verdeutlicht der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung anhand zahlreicher Beispiele aus Ostafrika. Gerade die sachliche, aber keineswegs emotionslose Schilderung der verschiedenen Stadien des Hungertods unterstreicht die Dringlichkeit des Appells und verdeutlicht zugleich das leidenschaftliche Engagement des Redners selbst.

      Jean Ziegler macht Großkonzerne und andere gewissenlose Akteure des Finanzkapitalismus für die weltweite Hungersnot verantwortlich und hätte damit auch einen Teil des Festpublikums in Salzburg gezielt angeklagt. Als einen Ausweg zeichnet er die bewegende Macht der Kunst an die Wand, die auch die dickste Betondecke des Egoismus durchdringe. Daraus resultierend fordert Jean Ziegler mit einer langen Reminiszenz an Bertolt Brechts Mutter Courage einen Aufstand des Gewissens.

      Das Salzburger Festpublikum hat diese Rede nicht gehört, dafür hat sie in schriftlicher Form ein weitaus größeres Publikum gefunden. Innovativ ist zudem die im Nachhinein vorgenommene Performanz der Rede für das Internetportal YouTube, die eine große Resonanz fand und somit auch auf diesem Wege dem leider immer aktuellen, doch viel zu oft von vermeintlich wichtigeren Themen verdrängten Problem des Hungers in der Welt zu breiter Aufmerksamkeit verholfen hat.

      Jury
      Prof. Dr. Joachim Knape, Dr. Olaf Kramer, Prof. Dr. Dietmar Till, Dr. Anne Ulrich, Peter Weit, Nikola Wiegeler

      Sprecherin der Jury
      Dr. Anne Ulrich

      Text der Rede

      Video der Rede (Teil 1)

      Video der Rede (Teil 2)

      Stellungnahmen in der Presse

    • 2010 – Margot Käßmann: Predigt im Neujahrsgottesdienst der Dresdner Frauenkirche

      Margot Käßmann hat die Rede des Jahres 2010 gehalten. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet ihre Predigt im Neujahrsgottesdienst in der Frauenkirche Dresden aus. In bemerkenswert unkonventioneller Weise ist es der damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gelungen, im Gewand der Predigt eine unbequeme politische Rede zu halten, die bundesweit Wellen geschlagen hat.

      Käßmann macht die Jahreslosung Euer Herz erschrecke nicht zum Ausgangspunkt einer ungewöhnlich realistischen, erfrischend lebensnahen und undoktrinären Neujahrspredigt, die den Blick auf einen Kristallisationspunkt menschlicher Existenz lenkt: das tiefe Erschrecken angesichts bedrohlicher Lebensumstände und existenzieller Ängste. Dabei versteht sie es, ihren Zuhörern mit klarem Blick auf deren vielfältige Lebenslagen Mut zuzusprechen. Ihre Botschaft: Nichts ist gut in der Welt, aber der Mensch muss trotzdem nicht erschrecken. In diesem Spannungsfeld zwischen Illusionslosigkeit und der Forderung nach unbeirrbarer Zuversicht entwickelt sie ihre Rede. Von der Klimapolitik über den Spitzensport und die Kinderarmut bis hin zum Afghanistan-Krieg greift Käßmann treffsicher Themen von gesellschaftspolitischer Brisanz auf.

      Zu einem Zeitpunkt, an dem der Krieg in Afghanistan offiziell nicht als Krieg bezeichnet wurde und Infragestellungen des Kriegseinsatzes äußerst umstritten waren, hatte Käßmann den Mut, Friedensüberlegungen anzumahnen und politische Lösungen zu fordern. Ihr viel zitierter Satz Nichts ist gut in Afghanistan hat in der Politik massive Kritik ausgelöst, letztlich aber entscheidend dazu beigetragen, eine weitreichende Debatte über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr anzustoßen, die inzwischen auch zu politischen Konsequenzen geführt hat. Es ist Margot Käßmanns Verdienst, dass sie diese Gelegenheit in ihrer Neujahrspredigt nicht verstreichen ließ, sondern wahrhaft unerschrocken beim Schopfe ergriff und damit den friedensethischen Grundsätzen der Kirche im besten rhetorischen Sinne zu gesellschaftlicher Geltung verhalf.

      Die Rede zeichnet sich durch einen klaren und verständlichen Stil aus, besticht durch eine anschauliche Sprache mit für jedermann anschlussfähigen und dennoch persönlichen Beispielen und einen so deutlichen wie versöhnlichen Ton. Damit entspricht sie allen rhetorischen Anforderungen zur Elaborierung einer Rede, wurde bei einem herausragenden und dann als spektakulär wahrgenommenen Ereignismoment gehalten und zeigte enorme Wirkung.

      Jury
      Jasmina Gherairi, Prof. Dr. Joachim Knape, Dr. Olaf Kramer, Michael Pelzer, Lisa Überall, Anne Ulrich, Peter Weit

      Sprecherin der Jury
      Anne Ulrich

      Text der Rede

    • 2009 – Sigmar Gabriel: Rede auf dem SPD-Parteitag

      Die Rede des Jahres 2009 hat Sigmar Gabriel gehalten. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet seine Rede auf dem SPD-Parteitag am 13. November 2009 in Dresden aus. In einer für die SPD katastrophalen Krisensituation ist es Gabriel gelungen, mit Selbstkritik, Scharfsinn und Gelassenheit, aber auch Witz und persönlicher Ausstrahlung das Vertrauen der Delegierten zu gewinnen und die Partei für ihren Weg aus der Krise zu stärken. Damit hat Gabriel diese besonders herausfordernde rhetorische Situation mit Bravour gemeistert.

      Gabriel hat es in dieser äußerst brisanten Situation verstanden, eine kluge und besonnene Analyse mit einer großen Souveränität und Gelassenheit auf der Rednerbühne zu präsentieren. Trotz ihrer außerordentlichen Länge von knapp zwei Stunden wird die Rede nie langweilig und bringt an jeder Stelle das persönliche Engagement und die rednerische Präsenz

      Gabriels zum Vorschein. Auf dem Parteitag gefeiert, traf die Rede auch auf ein breites publizistisches Echo.

      Den Ausgangspunkt von Gabriels Rede bildet die schonungslose Feststellung: Wir haben eine historische Niederlage erlitten, obwohl wir in einer Zeit leben, die geradezu nach sozialdemokratischen Antworten schreit. Die Partei habe jedoch mehr als nur ein Kommunikationsproblem. Dieses Problem löst Gabriel nun mit Raffinement, indem er im klassisch-rhetorischen Sinne die schwächere Sache zur stärkeren macht: Zu sehr habe sich die Partei der Mitte als einem politisch-gesellschaftlichen Ort anpassen wollen und sich von ihren Grundüberzeugungen entfernt. Dabei sei die Mitte kein Ort, sondern werde durch die Deutungshoheit der Gesellschaft definiert, im gesellschaftlichen Diskurs erst geschaffen. Diese Grundeinsicht der politischen Rhetorik wird von Politikern selten offen reflektiert und ausgesprochen. Es schließt sich folgerichtig die Forderung an, dass die Partei diese Meinungs­hoheit die in der Rhetoriktheorie als doxa bezeichnet wird nun wieder erringen müsse. Ga­briels Rede ist demnach als ein großangelegter Versuch zu verstehen, diese doxa kritisch und in Einvernehmen mit der Basis wie den unterschiedlichen Flügeln der SPD zu definieren und somit zu einer umfassenden Neuakzentuierung der politischen Landschaft zu führen.

      Jury
      Jasmina Gherairi, Prof. Dr. Joachim Knape, Prof. Dr. Josef Kopperschmidt, Olaf Kramer, Anne Ulrich, Peter Weit, PD Dr. Temilo van Zantwijk.

      Sprecherin der Jury
      Anne Ulrich

      Text der Rede
      Video der Rede

    • 2008 – Joachim Kaiser: Laudatio auf Anne Sophie Mutter

      Die Auszeichnung zur Rede des Jahres durch das Seminar für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen gilt diesmal der Laudatio, die Joachim Kaiser auf Anne Sophie Mutter gehalten hat: „Wie ihre Kunst die Musikwelt veränderte.“ Wenn ein großer Redner und eine große Künstlerin zusammentreffen, so ist das ein seltener Glücksfall. Mit seiner Rede ehrt Joachim Kaiser eine einzigartige künstlerische Leistung und führt uns zugleich in eine andere Welt, in der sich Ernst und Anmut, Disziplin und Heiterkeit zum wahrhaft menschlichen Lebensinhalt verdichten.

      Was der Redner über ihre Konzerte sagt: „Sie gehen über den Rahmen des Gewohnten, Schönen, Alltäglichen astronomisch hinaus“, gilt auch für ihn selber, der die Musik-Kritik und Musik-Interpretation auf eine Höhe gebracht hat, die singulär ist und dem Kenner ebenso großen Gewinn bringt wie dem musikliebenden Laien. Mit welcher Leichtigkeit Kaiser fast wie nebenbei auch in dieser Rede erhellende Einsichten über die zeitgenössische Violin-Literatur und Anne Sophie Mutters unerhörte Interpretationskunst einflicht, wie er Anekdotisches, eigene Erlebnisse und subtile Erklärung miteinander verknüpft, ist eine hinreißende rednerische Leistung. Sie wird vom rhetorischen Geheimtip zur Rede des Jahres 2008, weil sie einen eigenen kategorischen Imperativ enthält: die Welt der Zahlen und Figuren, der ökonomischen Verwertbarkeit und hemmungslosen Ausbeutung zu überschreiten, auf das nie erlöschende Licht der Musik hin. Es gibt nicht Aktuelleres als Kaisers so indirekt liebenswürdige wie radikale Absage an den Ungeist der Zeit, in der wir leben.

      Jury
      Seminar für Allgemeine Rhetorik

      Sprecher der Jury
      Prof. Dr. Gert Ueding

      Text der Rede

    • 2007 – Oskar Lafontaine: Rede in der Debatte zum Bundeshaushaltsplan 2008

      Die Rede des Jahres 2007 hat Oskar Lafontaine gehalten. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet in diesem Jahr Lafontaines Debattenrede vor dem Deutschen Bundestag vom 12. September aus. Sie vereint alle rhetorischen Vorzüge: argumentiert überzeugend, scheut nicht vor unpopulärer Kritik zurück, formuliert scharf, anschaulich und gibt den Benachteiligten in unserer Gesellschaft eine wirkungsvolle Stimme.

      Besondere Glaubwürdigkeit gewinnt die Rede dadurch, dass sie eine unermüdlich schönredende Regierungsrhetorik mit der Wirklichkeit in unserem Lande konfrontiert. Lafontaine beruft sich auf soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und das Völkerrecht, betont den Anspruch auf Bildung für alle und fordert nach inzwischen vergessener sozialdemokratischer Tradition, dass sich Leistung auch lohnen müsse. Er bezieht sich also auf Allgemeinüberzeugungen und Werte, ohne die keine Gesellschaft überlebensfähig ist, die aber in Deutschland mit bestürzender Schnelligkeit zerfallen und im politischen Handeln keine praktische Bedeutung mehr besitzen.

      Leitmotivisch bewegt sich der Redner an dem Motto Deutschland hat allen Grund zur Zuversicht der vorangegangenen Merkel-Rede entlang, denunziert es Schritt für Schritt als Leerformel, spart nicht mit Beispielen, mit sarkastischen, auch witzigen Urteilen und bringt ein zentrales Element politischer Rede zur Geltung: humanes Engagement als Handlungsmaxime demokratischer Politik.

      Jury
      Prof. Dr. Gert Ueding, Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer und Peter Weit.

      Sprecher der Jury
      Boris Kositzke

      Text der Rede
      Video der Rede

    • 2006 – Papst Benedikt XVI: Vorlesung an der Universität Regensburg

      Die Regensburger Vorlesung des Papstes vom 12. September 2006 ist vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zur Rede des Jahres 2006 gewählt worden. Damit würdigt das Seminar für Allgemeine Rhetorik eine Rede, die ein ungewohntes Maß an weltweiter Aufmerksamkeit errungen hat und jenseits tagespolitischer Meinungen und Rücksichten eine Antwort auf Frage nach dem richtigen Umgang mit religiösen Fundamentalismen formuliert.

      Das Thema dieser gezielt mißverstandenen Rede ist das Verhältnis von Vernunft und Glauben im Christentum und die Bekräftigung christlicher Überzeugung, daß vernünftig zu handeln dem Wesen Gottes entspricht. Der Redner betont diese Errungenschaft als eine Erbschaft griechischen Denkens, das die christliche Religion in ihrer langen Geschichte bis zu ihrer heutigen humanen Kenntlichkeit verändert hat.

      Im Zeitalter religiöser Fundamentalismen in vielen Ausprägungen und neuer Glaubenskämpfe, aber auch eines esoterisch-irrationalistischen Religionsverständnisses, dem oft ein flacher Aufkläricht (Lessing) entspricht, bedeutet die Rede des Papstes eine höchst engagierte, argumentativ präzise und historisch gesättigte Ortsbestimmung christlichen Glaubens aus griechischem Geist. Nur modellhaft zitiert der Redner den Dialog zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. und einem gelehrten Perser vom Ende des 14. Jahrhunderts. Dieser Dialog illustriert lebendig den humanisierenden Einfluß des griechischen Logos auf den christlichen Glauben und das Unverständnis, das ihm der Islam entgegenbringen mußte. Daß einige aus dem Zusammenhang gerissene Sätze aus diesem exemplarisch zu verstehenden Dialog solches Aufsehen erregen konnten, belegt mehr als 500 Jahre später seine ungebrochene Aktualität.

      Die Rede ist in ihrer vielstimmigen und doch geradlinigen Komposition meisterhaft gebaut. Der Papst bringt sowohl seine eigene Biographie ins Spiel wie seine kritische Vernunft und religiöse Überzeugung. Er beeindruckt durch einen ungewohnt persönlichen und zugleich reflektierten Redegestus, der darauf aus ist, andere mit Mitteln der Vernunft zu überzeugen. Ausgehend von den eigenen akademischen Anfängen, fragt der Redner nach der Berechtigung der Theologie im Kreise der anderen Universitätswissenschaften, um schließlich in dieser Plazierung das Ergebnis einer zweitausendjährigen wechselvollen Geschichte der Hellenisierung des Christentums zu erkennen. Das geschieht in einer für die akademische Redegattung Vorlesung vorbildlichen gedanklich konzentrierten, dabei immer historisch anschaulichen und argumentativ überzeugenden Weise, in der sich eben jene Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken äußert, die einst Kaiser Manuel schon von einem Gläubigen erwartete. Dabei zeigt sich der Papst auch darin griechischem Denken mit seiner Kraftquelle, der agonalen Streitkultur, verpflichtet, daß er seine Thesen mutig und entschieden, also ohne die oft als Dialog getarnte Bereitschaft zu Beschwichtigung und Anpassung vorträgt.

      Jury
      Prof. Dr. Gert Ueding, Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer und Peter Weit.

      Sprecher der Jury
      Olaf Kramer

      Text der Rede
      Video der Rede

    • 2005 – Werner Schulz: Mündliche Erklärung nach der Aussprache zur Vertrauensfrage

      Die mündliche Erklärung des Abgeordneten Werner Schulz (Bündnis90/Die Grünen) nach der Aussprache zur Vertrauensfrage des damaligen Bundeskanzlers (in der 185. Sitzung des Deutschen Bundestages in Berlin am 1. Juli 2005) ist zur Rede des Jahres 2005 gewählt.

      Die Rede von Werner Schulz war der beherzte Einspruch gegen ein zwar legales aber doch politisch kurzsichtiges Kalkül und einen opportunistischen Konsens: Immer begleitet und unterbrochen vom Beifall der falschen Seite erhob hier ein aufrechter Demokrat die Stimme gegen die Verschwörung für Machterhalt oder Machterwerb, selbst noch in einem Augenblick, in dem sie längst unaufhaltsam war. Für eine Rede ist der rechte Augenblick, ihr kairos, ein wichtiges Kriterium; Schulz kam nicht zu spät mit seiner Intervention es war vielmehr das abschließende Verdikt über eine parlamentarische Farce. Die Kürze der Rede mag durch Geschäftsordnung erzwungen sein, doch liegt in der brevitas zugleich ihre Schärfe und ihre Entschiedenheit begründet: Beschwichtigung, Ablenkung und Betrug brauchen dagegen Aufwand und viele Worte. Sein knapp bemessenes Rederecht nutzte Schulz zu einer Kritik, die sachlich gerechtfertigt gewesen ist, zu einer Analyse, die sich inzwischen als historisch hellsichtig erwiesen hat, und zu einem persönlichen Bekenntnis, das Respekt verdient. Über die Güte einer Rede entscheidet letztlich nicht ihr unmittelbarer Erfolg es entscheidet, ob der Redner alles getan hat, was rhetorisch getan werden konnte. Wenn also auch die Worte des Abgeordneten Schulz politisch folgenlos gewesen sein mögen, werden sie über den Augenblick hinaus moralisch wirksam bleiben, weil sie daran erinnern, dass Politik [] keinen Schritt tun [darf], ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben (Kant).

      Jury
      Prof. Dr. Gert Ueding, Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer und Peter Weit.

      Sprecher der Jury
      Boris Kositzke

      Text der Rede

    • 2004 – Heribert Prantl: Zivilgesellschaft ist vitaler Verfassungsschutz

      Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Eberhard-Karls-Universität Tübingen hat Heribert Prantls Rede Zivilgesellschaft ist vitaler Verfassungsschutz zur Rede des Jahres 2004 gewählt. Eindringlich, anschaulich und jenseits abgenutzter Phrasen analysiert der Redner in dem Text vom November 2004 Ursachen und Folgen des Rechtsextremismus und weist überzeugende Perspektiven zur Rückeroberung des öffentlichen Raumes von den Rechtsradikalen.

      Wieviel Nazis gibt es hier? Diese Frage ist mutige Provokation in manchen Teilen Deutschlands, und Heribert Prantl eröffnet mit ihr eine Rede zum Thema Rechtsextremismus, die ihresgleichen sucht. Prantl gelingt es, die Realität rechtsextremistischer Gewalt in Deutschland ohne falsches Pathos anschaulich zu machen und die Wirkungen rechtsextremer Strukturen mit klaren und überzeugenden Worten zu analysieren. Dabei ist das Thema Rechtsextremismus rhetorisch heikel, vor einer demokratisch gesinnten Gruppe machen es sich die Redner meist zu leicht, ein pathetischer Appell scheint alles zu sagen, argumentiert wird nicht. Anders bei Prantl, in seiner Rede zur Verleihung der Kesten-Medallie an die Initiative Bunt statt Braun, die den Einsatz für Demokratie und Toleranz in ihr Programm geschrieben hat, liefert er eine scharfsinnige Analyse des Phänomens Rechtsextremismus.

      Prantls erschreckende Beispiele verweigern sich allzu simplen Lösungsmustern: da ist die Lehrerin, die nicht weiß, wie sie auf den Hitler-Gruß eine Schülers reagieren soll, der Jugendliche, der einen Ausbildungsplatz nur in einer von Rechten unterlaufenen Werkstatt findet und das kleine Dorf, in dem schon derjenige ein Linksextremer ist, der das Grundgesetz verteidigt. Einfache Lösungen gibt es in solchen Situationen nicht, und der Redner gaukelt sie auch nicht vor. Vielmehr zeigt er eindringlich, wie die Ideologie der Ungleichheit und Gewaltakzeptanz unsere Gesellschaft schleichend verändert. Die italienische Mafia, auf die Prantl dabei verweist, ist ein ebenso ungewöhnlicher wie treffender Vergleich.

      Meisterhaft gelingt Prantl in seiner Rede die Balance zwischen Mahnung und Motivation, er macht unmißverständlich klar, was für uns alle auf dem Spiel steht, und zeigt, wie ein einzelnes mutiges Wort gegen Rechtsradikalismus seinen Beitrag zur Stärkung demokratischer Strukturen leistet. Daß die Bürger den Staat machen, ist eine vielzitierte Phrase. Prantl macht deutlich, was sie meint: Gesellschaft ist keine abstrakte Größe, sie entsteht im alltäglichen Miteinander. Im öffentlichen Raum gilt es daher laut seiner scharfsinnigen Analyse, die Grundwerte unserer Gesellschaft immer wieder neu zu definieren. Dabei darf der Blick nicht auf Deutschland beschränkt bleiben. In Auseinandersetzung mit Joseph Roth haucht Prantl dem Bild vom europäischen Haus, das abgenutzt und stumpf erscheint, neues Leben ein und verleiht ihm neuen rhetorischen Glanz: er sieht Europa als Haus mit vielen Türen und Zimmern, europäisches Gemeingefühl und patriotische Überzeugung schließen sich nicht aus, solange sie auf demokratischen Werten beruhen und der öffentliche Raum von Freiheit und Meinungsvielfalt und nicht von Gewalt und Ungleichheit beherrscht wird.

      Jury
      Prof. Dr. Gert Ueding, Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer und Peter Weit.

      Sprecher der Jury
      Olaf Kramer

      Text der Rede

    • 2003 – Eberhard Jüngel: Predigt über Genesis 16

      Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen hat in diesem Jahr eine Predigt zur Rede des Jahres 2003 gewählt: Eberhard Jüngels Predigt über Genesis 16 in der Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin.

      In einer Zeit des Niedergangs der geistlichen Rede zum Alltagsgerede über Gott und die Welt stellt Jüngels Predigt die Maßstäbe wieder her, die diese Gattung seit Augustinus zu einem besonders ausgezeichneten Ort rednerischer Wirksamkeit gemacht haben. Sie ist ein Gipfelpunkt der Predigtgeschichte in Bibelinterpretation und rhetorischer Darstellung zugleich und führt damit einer von aller Beredsamkeit verlassenen Pfarrer- und Pastorengeneration geradezu musterhaft die reichen Möglichkeiten substantieller und wirkungsvoller biblischer Verkündigung vor Augen und Ohren.

      Schon Augustinus hatte gegen das auch heute immer wieder vernehmbare Vorurteil gekämpft, daß sich die göttliche Wahrheit ohne jeden rednerischen Beistand schon ihren Weg in die Herzen der Gemeinde bahnen werde. Sollen die Feinde der Wahrheit, fragte er ironisch, bei dem Versuch, ihre Zuhörer in den Irrtum zu treiben, deren Gemüt schrecken, betrüben, erfreuen, feurig ermahnen dürfen; die Verteidiger der Wahrheit aber sollen eine kalte und matte Rede voll Schläfrigkeit halten müssen? Die kalte und matte Rede ist zur Regel geworden, von der Kanzel hört man platte politische Meinungsreden oder feuilletonistische Plaudereien, die mit verkrampften Volten an religiöse Maximen zurückgebunden werden. Jüngel demonstriert dagegen, wie unerschöpflich und unersetzlich die biblischen Geschichten für die christliche Predigt sind, wenn man sie denn zu lesen und die in ihnen selber verschlossene Aktualität aufzufinden und für die Gemeinde zu öffnen versteht. Daß er sich dazu gerade ein schwieriges Exempel ausgesucht hat, macht des Meisters Ehre: Sara aber, die Frau Abrahams, hatte ihm keine Kinder geboren. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar. Und Sara sagte zu Abraham: ‚Siehe doch: Jahwe hat mir Kinder versagt. So geh doch zu meiner Magd, vielleicht kann ich durch sie ein Kind bekommen!‘ Wie der Kanzelredner nun zwischen den Zeitaltern vermittelt, den kulturellen und historischen Hintergrund der biblischen Erzählung mit unserer Denk- und Lebensart, die alttestamentarische Sexualmoral mit der modernen konfrontierend, aus der so veraltet wirkenden Geschichte einen unveralteten, unabgegoltenen Kern herauspräpariert, das ist ein hermeneutischer und rhetorischer Geniestreich, dem wir die größte Verbreitung in und außerhalb der Kirchen wünschen.

      Jury
      Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer, Prof. Dr. Gert Ueding und Peter Weit.

      Sprecher der Jury
      Olaf Kramer

      Text der Rede

    • 2002 – Das Kanzlerduell

      Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen hat den TV-Duellen zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber die Auszeichnung Rede des Jahres 2002 verliehen. Somit geht die Auszeichnung diesmal nicht an eine Rede und einen Redner, sondern an eine Debatte. Mit dieser Entscheidung trägt das Seminar der Ausnahmestellung der Kanzlerduelle Rechnung, die jeweils mehr als 15 Millionen Zuschauer in ihren Bann zogen und wie nie zuvor in der bundesdeutschen Geschichte ein rhetorisches Ereignis in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt haben.

      Die beiden Redner entfalteten in den Debatten ein großes Repertoire rhetorischer Fähigkeiten, agierten mal sachlich-argumentativ, mal pathetisch-emotional, mal schlagfertig-scherzhaft. Waren die Regeln beim ersten Aufeinandertreffen noch starr und das Gespräch nur wenig lebendig, gelang in der zweiten Debatte immer wieder auch ein wirklicher Gedankenaustausch, man verweilte bei einer Sache, um sie kontrovers zu klären, argumentierte detailgenau und kenntnisreich. Doch blieb das Gespräch dabei keineswegs in Kleinigkeiten stecken, auch die programmatischen Leitlinien der Politik waren Thema. Kanzler und Kandidat erläuterten jeweils ihr Deutschlandprojekt, konfrontierten ihre unterschiedlichen Modelle von Wirtschafts-, Außen- und Sozialpolitik. Dabei wurde die Beziehung von politischem Plan und Wirklichkeit deutlich, denn die Redner beschrieben auch die ganz konkreten Folgen ihrer politischen Agenda, sprachen anschaulich und verständlich.

      Ohne Zweifel flüchteten sich die Kontrahenten immer wieder in Phrasen und allgemeine Proklamationen, doch gelang es, dann abermals zum sachlichen und engagierten Dialog, zum Gespräch zurückzukehren. Die TV-Debatten waren dabei als rhetorisches Ereignis mehr als eine bloß mediale Inszenierung, denn Politik selbst ist nichts anderes als sprachliches Handeln. Politische Probleme sind auch außerhalb des Fernsehstudios nur im sprachlichen Miteinander und Gegeneinander zu klären, und eben dieses Mit- und Gegeneinander ließ sich in den Gesprächen trefflich beobachten. Politik ist Sprache: das Diktum Hannah Arendts hat noch immer Gültigkeit, und die Debatten trugen genau diesem Zusammenhang Rechnung, so daß bei aller Kritik an manchen offenkundig auswendig gelernten Passagen, an Phrasen, körpersprachlichen Ungeschicklichkeiten und argumentativen Leerläufen die grundsätzliche Bedeutung der Fernsehbegegnung Schröder-Stoiber ganz unbestreitbar ist. Die Fernsehdebatten ermöglichen die mediale Umsetzung politischer Wirklichkeit, sie können ein Exempel moderner politischer Beredsamkeit sein, das die Wirkungsmacht der Rhetorik und die enge Zusammengehörigkeit von öffentlicher Rede und Demokratie eindrücklich beweist.

      Jury
      Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer, Prof. Dr. Gert Ueding und Peter Weit.

      Sprecher der Jury
      Olaf Kramer, Boris Kositzke

      Video des ersten Duells

    • 2001 – Rolf Hochhuth: Jacob Grimm oder Angst um unsere Sprache

      Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen hat die Rede Jacob Grimm oder Angst um unsere Sprache des Dramatikers und Essayisten Rolf Hochhuth zur Rede des Jahres 2001 gewählt.

      Die Rede Rolf Hochhuths ist ein streitbares Plädoyer zur Rettung der deutschen Sprache, der deutschen Literatur freilich oft mit dem resignierten Unterton eines Kampfes für die beinahe schon verlorene Sache: Hochhuth sieht, dass Sprache nicht ein dauernder Besitz ist, deren ein Volk, eine Nation sicher sein können sondern dass Sprache verloren gehen kann, zeitweise oder auch auf ewig wie die Freiheit, die ja auch stets erneut behauptet, erkämpft werden muss. Es ist denn auch die politische Literatur, die politische Lyrik zumal, in der sich für Hochhuth politische Bedeutung und sprachliche Kraft in exemplarischer Weise verbinden. Ästhetik und Engagement gehören für ihn selbstverständlich zusammen, gegen pseudo-romantische Kunstverklärung oder naiv-rationales Politikverständnis ganz in der Tradition rhetorischer Theorie und wirkungsvoller Beredsamkeit seit der Antike.

      Die humane und humanisierende Macht der Sprache droht der deutschen Politik, der deutschen Gesellschaft insgesamt verlorenzugehen. Während dem Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan keine Kosten mehr im Wege stehen, zieht sich die deutsche Außenpolitik aus kulturellen Gebieten zurück und werden Goethe-Häuser in aller Welt geschlossen. Doch nicht nur die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland geht zurück von ihrer Bedeutung als Amts- oder Arbeitssprache in internationalen politischen Organisationen und als Fachsprache auf internationalen wissenschaftlichen Kongressen ganz abgesehen , auch unsere alltägliche Rede verkommt zu deutsch-englischem Sprachgulasch. Doch nicht im zufälligen, vorübergehenden Konsens über Werte liegt die Wurzel einer Kultur, sondern im Medium jeder Verständigung selbst, das sogar noch im Streit die Parteien verbindet. Das Ziel kann dabei keine korrupte und zuletzt kulturell wie politisch korrumpierende Weltsprache sein, ein Funktionsenglisch auf geringstem Niveau: In einer Welt, in der alles vereinheitlicht zu werden droht, hebt Hochhuth die Wichtigkeit von Vielfalt, eben auch von Sprachenvielfalt, hervor gegen alle totalitären Ansprüche.

      In einer glanzvollen Rede verteidigt Hochhuth die deutsche Sprachkultur, fordert ihren institutionellen Schutz, klagt mit scharfen Worten die Verantwortlichen der modernen Barbarei an und liefert in hoher rhetorischer Qualität ein Beispiel für die Kraft der Rede, die er so bedroht sieht.

      Jury
      Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer, Prof. Dr. Gert Ueding und Peter Weit.

      Sprecher der Jury
      Boris Kositzke

      Text der Rede

    • 2000 – Daniel Cohn-Bendit: Quo vadis Europa

      Das Institut für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen hat die Rede Quo vadis Europa? des Grünen Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit zur Rede des Jahres 2000 gewählt.

      Mit beredten Worten entwickelt Cohn-Bendit die Vision einer wahrhaft europäischen Zukunft, sein Ziel ist der Wandel der EU von einem Verwaltungsapparat zu einer wahren politischen und menschlichen Union. Der Redner argumentiert mit Überzeugung und Engagement, wohlbegründet und mit hervorragender Kenntnis der europäischen Kulturgeschichte. Er versucht nicht, es allen recht zu machen, sondern besitzt den Mut, gegen die fragwürdigen Gewohnheiten der Politik neue Wege nach Europa zu suchen eine seltene Tugend in der politischen Beredsamkeit unserer Zeit.

      Europa wird Cohn-Bendit zu einer der letzten Utopien, für die es sich lohnt zu kämpfen. Ohne Tabus stellt er Fragen nach der europäischen Identität, nach den Grenzen der europäischen Erweiterung und entwickelt die Vision einer europäischen Magna Charta. Cohn-Bendit weiß, daß Europa sich ändern muß, wenn es sich weiterentwickeln soll, und deutlicher als andere wagt er es, sich Gedanken darüber zu machen, wie die europäische Zukunft in verfassungsrechtlicher und menschlicher Hinsicht aussehen kann. Dabei schreckt er nicht vor dem Tabu zurück, auch über die Grenzen der EU-Erweiterung nachzudenken. Er legitimiert das politische Europa aus kulturhistorischen und geographischen Realitäten, denn er weiß, ohne einheitliche Identität kann es kein einiges Europa geben und grenzenlose Osterweiterungen nehmen der europäischen Identität die Basis. Cohn-Bendit erliegt dabei aber nicht der Versuchung, europäischen Zentralismus zu propagieren: Europäische Identität heißt nicht Verzicht auf nationale Identitäten. Zum zentralen Punkt des europäischen Selbstbewußtseins, so wie Cohn-Bendit es sich vorstellt, gehört nicht Chauvinismus, sondern Verfassungspatriotismus.

      Die am 3. November dieses Jahres anläßlich der 18. Lesung der Van-der-Leeuw-Stiftung in der Martini-Kirche in Groningen (Niederlande) gehaltene Rede beeindruckt durch die Klarheit ihrer Gedanken. Cohn-Bendit kann für seine Argumentation auf ein umfangreiches kulturhistorisches Wissen zurückgreifen. Kenntnisreich erläutert er Stationen europäischer Identitätsbildung und läßt sich dabei nie zur Formulierung bloßer Selbstverständlichkeiten hinreißen, sein Blick auf die Geschichte ist informativ und innovativ zugleich. Cohn-Bendit beherrscht die vielfältige Kunst des rhetorischen Arguments, er argumentiert mit Beispielen und Vergleichen und setzt bei seiner Rede auf Vernunfts- und Gefühlsgründe gleichermaßen. Sprachlich überzeugt die Rede, indem sie beständig das Publikum zum Bezugspunkt aller Formulierungen macht; bilderreich und klar stellt Cohn-Bendit seine Europa-Vision vor. Dabei verfügt der Redner über ein großes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten, seine Skala reicht von feiner Ironie bis zum pathetischen Appell. So stehen Redner und Rede als Exempel für die innovative und aufklärerische Kraft einer wahrhaft europäischen Beredsamkeit.

      Jury
      Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer, Prof. Dr. Gert Ueding und Peter Weit.

      Text der Rede

    • 1999 – Joschka Fischer: Parteitagsrede vom 13. Mai 1999

      Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen hat die Rede des Außenministers Joschka Fischer auf dem Parteitag der Grünen am 13. Mai 1999 zur Rede des Jahres gewählt.

      In Zielsetzung, Vollzug und Wirkung stellt diese Rede einen Musterfall demokratischer Beredsamkeit dar. Der Redner fordert Gespräch, Diskussion, den freien Streit der Meinungen ein, also die rhetorischen Grundlagen der Demokratie, und praktiziert sie zugleich auf vorbildliche Weise selber.

      Das Thema der Rede ist die Beteiligung Deutschlands an den militärischen Einsätzen der Nato in Jugoslawien, und sie behandelt dieses Thema auf der Basis einer neuen europäischen Friedenspolitik, die den Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates dann zur Disposition stellt, wenn diese inneren Angelegenheiten Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit miteinschließen. Friedenspolitik wird damit zu einer kämpferischen Politik gegen die Feinde und Verächter des Friedens. Widerstand und Friede gehen eine Allianz ein, und der Redner erinnert daran, daß gerade die Deutschen nicht tatenlos abseits stehen bleiben dürfen, wenn in ihrer Nachbarschaft Völkermord, ethnische Säuberungen, Massaker und Vergewaltigung zur alltäglichen Wirk­lichkeit geworden sind.

      Die frei gehaltene, in einer äußerst erregten Atmosphäre und unter persönlichem Risiko vorgetragene Rede gibt jedoch an keiner Stelle der Verführung nach, Diskussionsbereitschaft und rhetorische Vernunft gegen das Wort der Macht oder den Zwang der internationalen Verpflichtung preiszugeben. Der Redner vertritt seine Politik in Argumentation, emotionaler Beteiligung und persönlicher Glaubwürdigkeit gleichermaßen überzeugend. Besonders eindringlich wirkt dabei, wie er seinen eigenen Denkprozeß mit allen Zweifeln und inneren Anfechtungen thematisiert, seine ganze Biographie in die Waagschale wirft und sich durch keine Provokation aus dem dialogischen Konzept bringen läßt. Die sprachliche Kraft des Redners läßt kaum einmal nach, und mit welcher Sicherheit er die rhetorische Ausdrucksskala von drastischer Anschaulichkeit bis hin zu bewegendem Pathos beherrscht, darin kommt ihm in unserem politischen Leben zur Zeit niemand gleich.

      Zukunftsweisend bekräftigt Joschka Fischer am Ende des Jahrtausends die Grundüberzeugung der klassischen Rhetorik von demokratischer Rede als der vermenschlichten Welt.

      Jury
      Prof. Dr. Gert Ueding, Prof. Dr. Joachim Knape, Peter Weit, Boris Kositzke, Olaf Kramer

      Text der Rede

    • 1998 – Martin Walser: Friedenspreisrede

      Zur „Rede des Jahres 1998″ hat das Institut für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen Martin Walsers Frankfurter Friedenspreisrede gewählt, weil sie in der Tradition der großen humanistischen Beredsamkeit in Deutschland für die ideologisch verfestigten Meinungsschranken unserer Mediengesellschaft die Augen öffnet, sich gegen das organisierte Zerrbild von Gewissen, Moral, Schuldbewußtsein wehrt, das in Grausamkeit gegen die Opfer umschlägt, und schließlich für Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft plädiert, ohne die Kraft zur Trauer zu schwächen.

      Martin Walser hat mit selbstkritischen und ironischen Untertönen den Meinungsbetrieb in seiner manchmal gutgläubigen, doch meist zynischen Doppelbödigkeit aufgedeckt und als Instrument der ideologischen Macht­ausübung, als profitables Mediengeschäft und intellektuelle Inszenierung erkennbar gemacht. Die maßlose und hämische Kritik an dieser in rhetorischem Ethos, schlüssiger Argumentation und leidenschaftlichem Engagement für eine menschenwürdige Zukunft vorbildlichen Rede bestätigt deren Thesen so eindrucksvoll wie bedrückend.

      Jury
      Prof. Dr. Joachim Knape, Boris Kositzke, Olaf Kramer, Prof. Dr. Gert Ueding und Peter Weit

      Text der Rede